Welch ungewöhnliche Geschichten das Leben der Heiligen schreibt! Es sind jene Menschen, die sich völlig in den Dienst Gottes stellen und sich nicht selten in diesem Dienst verzehren.
Die feurige Liebe zu Gott war es, die den heiligen Johannes zu Taten antrieb, die weit über das hinausgingen, was ein Mensch normalerweise zu leisten vermag. Das Geheimnis Gottes leuchtet hier auf.
Johannes – 1386 in Capestrano geboren – war auf dem Weg, eine angesehene weltliche Laufbahn einzuschlagen. In einer Zeit politischer Spannungen wollte er als Advokat des Königs Ladislaus von Neapel eigentlich vermitteln, wurde jedoch gefangengenommen und in einen festen Turm geworfen. So grausam seine Behandlung auch gewesen sein mag, Gott nutzte dies, um Johannes zur Einsicht zu bringen, daß er doch dem himmlischen König dienen und die Welt verlassen solle.
Johannes kam frei und entschied sich, in den Franziskanerorden einzutreten. Dort schloss er bald Freundschaft mit seinem Novizenmeister Bernhardin von Siena. Nach seiner Priesterweihe um 1418/1420 hielt er sich für kurze Zeit bei Papst Martin V. auf, als dieser im Herzogspalast der Gonzaga in Mantua residierte. Danach wurde er Vikar der Observanten in den Abruzzen.
Mit erstaunlicher Opferwilligkeit widmete er sich dem klösterlichen Leben und eilte mit Fasten und Wachen, im Gebets- und Bußeifer den meisten Mitbrüdern voran.
Im „Buch der Heiligen” von Otto Bitschnau OSB wird berichtet:
“Die Oberen übertrugen ihm das Amt eines Buß- und Fastenpredigers, das er fast vierzig Jahre lang in den meisten Ländern Europas bei Gläubigen, Irrgläubigen und Ungläubigen mit unbeschreiblichem Segen, aber auch mit unsäglicher Selbstaufopferung verwaltete. Von Capestrano bis Trient in Tirol werden wenige italienische Städte sein, in denen seine gewaltige Stimme nicht erscholl. Wo er – klein von Gestalt, bleich von Angesicht, abgezehrt wie ein dem Grabe Entstiegener – auf der Kanzel den Volksmassen sich zeigte und seine Stimme erscholl, da blieb kein Auge trocken, kein Herz ungerührt. Seine Predigten bewirkten nicht bloß, daß die Leute bußfertig sich mit Gott und den Mitmenschen aussöhnten und ihr Leben gründlich besserten, sondern daß sie auch an vielen Orten Spitäler, Armenhäuser, Klöster und andere wohltätige Stiftungen mit rührender Freigebigkeit errichteten. Der Zudrang des Volkes war so groß, daß selten ein Dom die Menge zu fassen vermochte.”
Und die Leute hörten ihm lange zu, denn außerhalb Italiens mußten seine Predigten übersetzt werden. Offensichtlich wollten die Menschen die Wahrheit hören, denn Johannes hielt sich nicht zurück, den katholischen Glauben unverkürzt zu verkünden und zur Bekehrung aufzurufen.
Weiter wird über ihn berichtet:
“Seine Reise durch Kärnten und die Steiermark nach Österreich war ein großartiges Schauspiel, überall zog ihm die Geistlichkeit und das Volk mit Kreuzen, Fahnen und Reliquien unter Psalmengesang entgegen. Alle wollten ihn sehen und hören und –obwohl er nur lateinisch predigte und ein Dolmetscher seine Gedanken wiederholte –, lauschten sie doch stundenlang seiner Rede. In Wien, wo er täglich bis zu 30.000 Zuhörer hatte, predigte er auf dem Gottesacker. Er bekehrte sehr viele Husiten in Mähren und hielt dann, weil ihm der Eintritt in Böhmen verweigert war, sehr gesegnete und durch Wunder verherrlichte Missionen in Sachsen, Schlesien, Polen, Franken, Thüringen und Bayern. In Augsburg heilte er beispielsweise viele Kranke und bewirkte durch seine eindringliche Predigt, daß ein großer Wagen voller Kartenspiele, 13.000 Brettspiele und ganze Haufen von Würfeln auf den Fronhof gebracht und verbrannt wurden.”
Man könnte denken, daß ein solcher Mann, der sowohl für seinen Orden fruchtbar war, als auch für viele Menschen viele Jahre hindurch zum Wegweiser des heiligen Glaubens wurde, mit diesem aufreibenden Dienst sein Werk auf der Erde getan hätte und der Herr dann seinen treuen Diener heimrufen würde. Doch es kam anders. Es lag noch eine gewaltige Aufgabe vor ihm.
Es wird berichtet:
“Im Jahre 1453, verbreitete die Nachricht, daß die Türken Konstantinopel erobert und das griechische Kaiserreich vernichtet hätten, in der ganzen Christenheit tödlichen Schrecken. In der Folge wurde die Gefahr für Ungarn immer größer.
Der Sultan Mohamed II. eilte mit einer ungeheuren Armee zu Land und mit einer mächtigen Flotte auf der Donau gen Belgrad, welches der Schlüssel zu Ungarn war.
Johann, welcher, bei dem Volke glücklicher als bei den Fürsten (diese konnten sich nicht zum Abwehrkampf vereinigen), eine bedeutende Kriegerschar gesammelt hatte, eilte auf diese Nachricht mit derselben nach Ungarn, predigte den Glaubenskrieg und brachte das Land in Bewegung.
Alles ordnend, um alles besorgt, brachte er mit unglaublicher Arbeitskraft im Verein mit dem Feldherrn Johann Corvin ein Heer von 60.000 Mann nach Belgrad. Freilich waren diese Soldaten weder durch ihre Zahl noch durch ihre Bewaffnung und am wenigsten durch ihre Disziplinierung dem zehnfach überlegenen Feind gewachsen, aber der barfüßige Mönch mit seinem Gottvertrauen ersetzte diese Mängel. Capistran mit dem Kreuz und Corvin mit dem Schwert in der Hand stürzten sich, bevor der Sultan mit der Landarmee ankam, auf seine Flotte und vernichteten sie größtenteils. Hierauf begann ein furchtbares Ringen und Schlachten um Belgrad mit abwechselndem Glück. Capistran tat Wunder des Mutes und der Tapferkeit an allen Punkten der Not und der Gefahr, durcheilte bald zu Fuß, bald zu Pferd mitten im Donner der Kanonen und Sausen der Kugeln die Reihen der Kämpfenden, belobte die Tapferen, erfrischte die Müden und tröstete die Zaghaften. Das Glück schien den Türken günstig: Schon standen sie in der Vorstadt, schon glänzte auf den Türmen der Halbmond, schon hatte der Befehlshaber der Zitadelle sich geflüchtet und selbst Corvin die Hoffnung aufgegeben, schon erdröhnten die türkischen Signale zum Sturm auf die innere Stadt. Da ergriff Capistran die Fahne, stieg auf den höchsten Punkt der Mauern und entflammte die Seinigen zu einem Mut, vor dem die Türken weichen und über Haufen von Leichen sich hinter ihre Schanzen zurückziehen mußten.”
In der Folge mußten sich die Türken zurückziehen und konnten ihre Pläne nicht ausführen. Es war eindeutig, daß Gott durch den Einsatz dieses bereits hochbetagten Franziskaners die Eroberung Ungarns durch die Türken verhinderte. Dies hatte große Bedeutung für das gesamte christliche Europa und der 22. Juli 1456 ging als Tag des Sieges in die Geschichte ein.
Jetzt war das Werk des Johannes von Capestrano vollbracht und Gott holte ihn am 23. Oktober desselben Jahres zu sich in die Ewigkeit.
