Heute führt unser Weg zunächst zur Lesung des Propheten Ezechiel. Der Herr möchte etwas klären, was wohl im Volk an falschen Gedanken und Redewendungen üblich war. Da hieß es: “Was soll dies, daß ihr unter euch eine bildliche Redewendung als Sprichwort gebraucht im Land Israel, indem ihr sprecht: Die Väter aßen saure Trauben und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.”
Der Herr bringt deutlich zum Ausdruck, daß er dieses Sprichwort in Israel nicht mehr hören möchte, sondern daß jeder für seine Taten selbst verantwortlich ist: “Seht, mein sind alle Seelen, die Seele des Vaters wie die des Sohnes: die Seele aber, die sündigt, die soll sterben.”
Dann weist der Herr darauf hin, wie sie zu leben haben. In Vers 8 und 9 ist es folgendermaßen zusammengefaßt: “Wer nach meinen Geboten wandelt und meine Rechte beobachtet, indem er nach der Wahrheit handelt, der ist gerecht, der soll leben.”
Das ist auch für uns heute wegweisend. Vielleicht sind wir manchmal versucht, dem jeweiligen Erbe, das wir mitbringen, eine zu große Bedeutung beizumessen. In die falsche Richtung würde es gehen, wenn wir es dafür verantwortlich machen würden, um etwa einen gottwidrigen Lebenswandel zu rechtfertigen und es als Entschuldigung anführen würden.
Gewiß prägen uns die Umgebung und das Elternhaus. Man kann günstige Voraussetzungen für den Lebensweg mitbringen oder schlechte. Im letzteren Fall gilt es, mit der Gnade Gottes intensiv daran zu arbeiten, um aufgenommene negative Verhaltensweisen abzulegen. Doch in allem bleibt es in der Eigenverantwortung, was wir aus unserem Leben machen – oder besser: was Gott, unser Schöpfer und Vater, aus unserem Leben machen kann, wenn wir auf ihn hören.
Im heutigen Evangelium kommt es zu einer erstaunlichen Begegnung zwischen Jesus und einer kanaanäischen Frau (Mt 15,21–28). Wir kennen den Herrn aus dem Evangelium ja als jemanden, der sich den Nöten der Menschen zuneigt, die zu ihm kommen. Nicht selten heißt es: “Und er heilte alle” (z. B. Mt 12,15).
Diese Frau kommt in großer Bedrängnis zu ihm: “Herr, Sohn Davids, meine Tochter wird von einem bösen Geist gequält”. Doch der Herr reagiert zunächst nicht, selbst als sie in ihrer Not hinter ihm hinterherruft. Die Jünger bitten Jesus, sie wegzuschicken, und er betont: “Ich bin nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt”. Mit diesem Wort wäre die Situation nun abgeschlossen gewesen und der Herr und die Jünger wären weitergezogen. Doch die Frau warf sich vor ihm nieder und bat ihn um Hilfe! Immer noch hielt sich der Herr zurück: “Es ist nicht recht, das Brot den Kindern zu nehmen und es vor die Hunde zu werfen”. Die Frau jedoch gab auf dieses Wort hin eine entwaffnende Antwort: “Gewiß, Herr, aber auch die Hündlein fressen von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.”
Jesus läßt sich von diesem Wort des Glaubens treffen: “Frau dein Glaube ist groß, dir geschehe, wie du willst!” Und wir wissen was folgt: “Von derselben Stunde an war ihre Tochter gesund”.
In dieser ungewöhnlichen Begegnung erkennt Jesus den großen Glauben der Frau und der bisherige Rahmen seines Handelns wird aufgesprengt. Sie gehörte aus der Sicht der Juden zu den Heiden, der Herr aber weiß sich als der Messias zu den Kindern Israels gesandt. Das unterstreicht Jesus zunächst auch. Doch der große Glaube der Frau, die den Herrn existenziell um die Befreiung ihrer Tochter anfleht, öffnet in dieser Situation eine Türe, die bereits erkennen läßt, daß das Heil, welches Jesus bringt, für alle Menschen da ist. Die Reihenfolge bleibt jedoch bestehen: Zuerst die Kinder Israels, denn sie sind vorbereitet. Der Heilswille Gottes ist aber umfassend. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang an die folgende Passage aus der Apostelgeschichte: “In jenen Tagen sagten Paulus und Barnabas zu den Juden: Euch mußte das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstoßt und euch des ewigen Lebens unwürdig zeigt, wenden wir uns jetzt an die Heiden”. (Apg 13,46)
Für uns kann dieser Abschnitt aus dem Evangelium eine gute und praktische Lehre sein, die wir anwenden können. In bestimmten Umständen kann uns Gott über etwas zuvor Gegebenes hinausführen. Im heutigen Evangelium wurde betont, daß die Aufgabe des Messias zunächst auf das Volk Israel begrenzt ist, was dem Heilsplan Gottes entspricht. Dann tritt jedoch ein anderer Umstand ein, der zu einer Erweiterung der bisherigen Sichtweise führt. Dies ist wichtig zu erkennen, um im Geist des Herrn darauf antworten zu können.
Das kann auch uns auf dem Weg der Nachfolge Christi geschehen. Betrachten wir nur ein Beispiel, wie etwas unseren bisherigen Weg aufsprengen kann. Zunächst befinden wir uns im familiären und gesellschaftlichen Umfeld. Dann aber treten Umstände ein, die unseren Blick weiten sollen – denken wir beispielsweise an eine geistliche Berufung. Sie verändert unseren Weg, der bis dahin durchaus gut gewesen sein mag, denn diese neue Dimension des Lebens haben wir zuvor nicht gesehen. Jetzt aber klopft sie an – vielleicht wie die bittende Frau aus Kanaan. Möglicherweise antworten wir zunächst: “Aber wir sind doch schon auf einem Weg des Herrn”. Dann aber läßt uns diese »Berufungsstimme« keine Ruhe mehr, bis wir ihr folgen!
Die »Blumen« des heutigen Tages:
- Bewußt vor Gott die Verantwortung für unser Leben übernehmen, unabhängig davon, ob wir günstige oder weniger günstige Voraussetzungen haben.
- Bitten wir den Herrn, unseren Geist weiten zu lassen, um auch neue, unerwartete Umstände und Erweiterungen unseres Weges in seiner Nachfolge integrieren zu können.
Betrachtungen nach der Leseordnung des Novus Ordo:
zur Tageslesung: https://elijamission.net/ich-habe-niemand-ausser-dir/#more-6038
zum Tagesevangelium: https://elijamission.net/was-ihr-von-anderen-erwartet-das-tut-auch-ihnen/#more-8508

