Nachdem der Apostel Paulus das religiöse Leben der Kolosser gewürdigt hat, folgt eine der schönsten Passagen seiner Briefe. Es ist der sogenannte Christushymnus, der mit dem Lobpreis des Vaters beginnt. Die Verherrlichung des Vaters, die dem Sohn so am Herzen lag, erklingt hier folgerichtig an erster Stelle in diesem Lobpreis. Wie könnten wir die herrlichen Taten Gottes verstehen, wenn wir Jesus nicht als Gesandten des Vaters begreifen? Die Gemeinde in Kolossä soll sich der Herrlichkeit des Sohnes Gottes bewußt sein, damit ihr Glaube fest verwurzelt ist und sie jede Lehre, welche die Herrlichkeit Jesu überschatten möchte, zurückweisen.
“Wir sagen Gott, dem Vater, Dank, der uns würdig gemacht hat, Teil zu nehmen am Erbe der Heiligen im Lichte; welcher uns aus der Gewalt der Finsternis befreit und in das Reich des Sohnes seiner Liebe versetzt hat, in welchem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Sünden; welcher das Ebenbild Gottes ist, des Unsichtbaren, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften, Fürstentümer oder Gewalten, alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; und er ist vor allen, und alles hat seinen Bestand in ihm. Und er ist das Haupt des Leibes, der Kirche, er, der da ist der Anfang, der Erstgeborne von den Toten, damit er in allem den Vorrang habe. Denn in ihm gefiel es Gott, die ganze Fülle wohnen zu lassen, und durch ihn alles mit sich zu versöhnen, indem er Frieden stiftete durch das Blut seines Kreuzes, sowohl was auf der Erde, als was im Himmel ist.”
Zunächst richten wir unseren Blick und unser Herz auf den Vater, von dem alles ausgeht. In unfaßbarer Güte hat er sich über das Elend der Menschen erbarmt und ihnen einen Ausweg geschaffen. Dieser Ausweg ist nicht nur eine Rettung in letzter Not, die an sich schon des unendlichen Dankes würdig ist. Nein, er will uns Anteil an den Heiligen geben, die im Licht sind. Er will uns vielmehr die Würde als Menschen, die er nach seinem Bild schuf, wieder zurückgeben, sodaß wir in der Ewigkeit mit ihm vereint sein können. Dazu mußte er uns allerdings aus der Macht der Finsternis befreien, denn durch die Sünde hatte der Teufel Macht über die Menschen ausgeübt, aus der sie sich selbst nicht befreien konnten. Es mußte ein Stärkerer kommen. Diesen hat uns der Vater gesandt, der über allem steht und doch den Weg in die Niedrigkeit für uns gegangen ist. So werden die vom Tod Befreiten in das Reich der Liebe Jesu versetzt. Wie der Text uns vor Augen stellt, bedurfte es des freiwilligen Opfers Jesu, damit wir die Vergebung unserer Sünden erlangen.
An dieser Stelle sei eine ernste Frage eingeschoben: Sind wir uns heute dessen noch so bewußt, was uns der Apostel verkündet? Verstehen wir, daß der Mensch die Begegnung mit dem Herrn braucht, eine Begegnung, die unverwechselbar ist? Niemand außer Gott selbst kann Sünden vergeben, und nur Jesus, der Herr, kann dies tun. Deswegen mutet es mehr als befremdlich an, wenn in neuerer Zeit in der Kirche die einzigartige Stellung Jesu Christi für alle Menschen nicht mehr ausreichend oder gar nicht betont wird. Immer öfter hört man Aussagen, als ob es andere gleichberechtigte Wege zu Gott gäbe, die von Menschen in anderen Religionen beschritten werden können. Das ist sehr irreführend. Wenn man den Text des heiligen Paulus verinnerlicht, kann man sich nur fragen, wie man zu einer solchen Sicht überhaupt kommen kann.
Gewiß, wenn ein Mensch ohne eigene Schuld Jesus nicht begegnet ist, wird es ihm nicht zur Last gelegt, und unser Vater wird ihn in Gerechtigkeit richten. Das bedeutet jedoch sicherlich nicht, daß die Verkündigung der Heilsbotschaft Christi für alle Menschen, die durch ihn mit Gott versöhnt werden sollen, relativiert oder gar aufgelöst werden darf. Wer dies tut, verkündet nicht mehr das, was ein heiliger Paulus den Kolossern nahebrachte und was die Kirche über Jahrhunderte hinweg treu verkündete. Ihre Missionare wurden bis ans Ende der Welt gesandt und haben oft ihr Leben für Christus gegeben.
Doch selbst wenn wir noch nicht auf diese Dimension der Erlösung durch den Gottessohn schauen, können wir nur erschauern über das, was der heilige Paulus den Kolossern zu verstehen gibt.
“Er (Christus) ist der Erstgeborne vor aller Schöpfung; denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften, oder Fürstentümer oder Gewalten, alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; und er ist vor allen, und alles hat seinen Bestand in ihm.”
Das ist es, was unser Glaube uns sagt! Die Stellung Jesu als Sohn Gottes ist so einzigartig, daß wir ihm allein schon deshalb voller Freude und Dankbarkeit dienen, denn von ihm sind wir erschaffen und alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Diese Erkenntnis allein genügt schon, um zu verstehen, welchem Herrn wir in der Kirche folgen dürfen. Das dürfen wir nie vergessen, sonst trennen wir uns von der Herrlichkeit Christi, die für alle Menschen gilt – auch wenn sie es nicht wissen. Die Aufgabe der Kirche besteht jedoch gerade darin, dies für alle Menschen bekannt zu machen.
Betrachten wir morgen noch die letzten Zeilen dieses wunderbaren Hymnus!
Betrachtungen nach der Leseordnung des Novus Ordo:
zur Tageslesung: https://elijamission.net/allerheiligen-5/#more-18874
