“Niemand ist weiser, als wer seine Seele immerdar in Händen trägt. Es hat der Mensch keinen kostbareren Schatz als seine Seele. Er muß also wachen und beständig auf der Hut sein, weil dem Heil der Seele nichts gleichkommt.” (Thomas von Kempen, Nachfolge Christi)
In einem anderen Wort beklagt Thomas von Kempen: “Um eine geringe Stelle läuft man meilenweit, aber um des ewigen Lebens willen heben viele den Fuß nicht auf.”
Wie wahr ist, was der geistliche Lehrer uns zu sagen hat, und wie leichtsinnig geht der Mensch mit dem Wichtigsten um, was unser Vater ihm anvertraut hat: die Seele, die er nach seinem Bilde geformt hat. Welch liebende Wachsamkeit ist nötig, damit dieser kostbare Schatz nicht etwa in seinem Wert gemindert wird oder gar viel verliert. Die Seele soll dort zu Hause sein, wo sie allein zur ganzen Blüte kommt. Oft ist sie aber unter die Räuber geraten und liegt blutend und verletzt darnieder, bis unser Herr sie aufhebt und an sich zieht. Dann gilt es, der liebenden Einladung zu folgen, sodaß die Liebe Gottes sie heilen kann. Das bedarf jedoch großer Wachsamkeit, denn selbst die von ihrem göttlichen Bräutigam wachgeküsste Seele kann wieder einschlafen, kann wieder vergessen, wem sie alles zu verdanken hat, oder sich unnützen oder gar schädlichen Dingen hingeben und sich so verlieren.
Weisheit ist es, alles zu pflegen, was die Seele tiefer mit Gott vereint, und darin auch beharrlich zu bleiben. Man darf sich nicht zu sicher fühlen und die Wachsamkeit vernachlässigen. Stattdessen gilt es, die Seele behutsam in den Händen zu tragen.
