Das wichtige, aber nicht selten mißverstandene Thema des Purgatoriums (Fegefeuer) gehört noch in den Rahmen unserer Betrachtungen der letzten Dinge und ist trotz seiner Ernsthaftigkeit doch eine sehr tröstliche Lehre.
Wir müssen wohl davon ausgehen, daß die meisten Menschen nach ihrem Tod noch nicht sofort zur vollen Vereinigung mit Gott gelangen können, denn diese ist nur möglich, wenn der Mensch vollkommen gereinigt ist. Gleichzeitig hoffen wir, daß möglichst wenige Menschen in die Hölle kommen, am liebsten gar niemand, was allein der Liebe und Gerechtigkeit Gottes überlassen sei. Vor diesem Hintergrund erschließt sich der tiefe Sinn der Lehre vom Purgatorium. Es entspringt der Weisheit der Liebe Gottes und stellt einen Akt seiner Barmherzigkeit dar. Somit gibt es für Menschen, die in ihrem irdischen Leben nicht genug auf die Liebe Gottes geantwortet haben, noch einen Weg der Läuterung nach dem Tod.
Im Katechismus der Katholischen Kirche ist im Artikel 12 dazu Folgendes niedergelegt:
“Diejenigen, die in Gottes Gnade und Freundschaft sterben, aber noch nicht vollkommen geläutert sind, obwohl sie ihres ewigen Heils sicher sind, müssen nach ihrem Tod eine Läuterung durchmachen, um die Heiligkeit zu erlangen, die erforderlich ist, um in die Freude des Himmels eingehen zu können.” (KKK Artikel 12, Nr. 1030)
Der Heilige Franz von Sales faßt Aspekte der Lehre der Heiligen Katharina von Genua über das Purgatorium so zusammen:
“Der Gedanke an das Fegfeuer ist weit mehr geeignet, uns Trost als Furcht einzuflößen. Ist auch wirklich die Pein des Reinigungsortes so groß, daß die äußersten Schmerzen dieses Lebens nicht damit verglichen werden können, so sind doch auch die innerlichen Wonnen dort so wunderbar, daß keine Glückseligkeit und Lust dieser Erde ihnen gleichkommt. Denn: 1. sind die Seelen in beständiger Vereinigung mit Gott, dann haben sie sich dort seinem heiligen Willen vollkommen unterworfen; 2. ihr Wille ist so innig in den Willen Gottes umgebildet, daß sie nur wollen, was Gott will, sodaß sie, wenn auch die Pforten des Himmels ihnen offenstünden, es nicht wagen würden, vor Gott zu erscheinen, solange sie noch Spuren der Sünde in sich wahrnehmen; 3. reinigen sie sich dort freiwillig und in Liebe, nur um Gott zu gefallen; 4. wollen sie dort auf die Weise sein, wie es Gott gefällt und solange es ihm gefällt; 5.sind sie unsündlich; sie haben auch nicht die geringste Regung der Ungeduld und begehen nicht den mindesten Fehler; 6. lieben sie Gott über alles, mit vollendeter, reiner und uneigennütziger Liebe; 7. werden sie dort von den Engeln getröstet; 8. sind sie ihres Heiles gewiß und in einer Hoffnung, die nimmermehr in ihrer Erwartung zu Schanden wird; 9. ist ihre bitterste Bitterkeit im tiefsten Frieden; 10. ist auch dieser Ort hinsichtlich des Schmerzes eine Hölle, so ist er doch auch ein Paradies hinsichtlich der Lieblichkeit, welche die Liebe Gottes in ihr Herz ergießt: eine Liebe, die stärker ist als der Tod und mächtiger als die Hölle; 11. ist dieser Stand mehr zu ersehnen als zu fürchten, denn die Flammen dort sind Flammen heiliger Sehnsucht und Liebe; 12. sie sind aber dennoch furchtbar, weil sie unsere Vollendung verzögern, die darin besteht, Gott zu schauen und zu lieben und durch diese Anschauung und Liebe ihn in der ganzen, unermeßlichen Ewigkeit zu loben und zu verherrlichen.”
Wir verstehen, daß der Zustand dieser Seelen einerseits voller Pein ist, weil sie ihr Ziel – die Vereinigung mit Gott –, nach der sie sich von ganzem Herzen sehnen, noch nicht erreicht haben, und nun glühend danach verlangen. Hinzu kommt, daß sie nach dem Ratschluß Gottes noch ein Sühneleiden zu ertragen haben. Nach dem Heiligen Thomas von Aquin werden die zeitlichen Sündenstrafen im Fegfeuer durch sogenanntes »Genugleiden« (satispassio) durch ein williges Ertragen des von Gott verhängten Sühneleidens, abgebüßt.
Andererseits sehen sich die Armen Seelen gerettet und wissen, daß sie als Kinder Gottes ihre vollkommene Vereinigung mit Gott voller Freude und Dank erwarten dürfen. Sie selbst vermögen nichts mehr aktiv dafür zu tun, aber sie können Hilfe durch die Kirche erhalten.
Hier begegnen wir wieder der unendlichen Weisheit Gottes. Die Kirche als Gemeinschaft der Heiligen umfaßt die triumphierende Kirche des Himmels, die streitende Kirche auf der Erde und die leidende Kirche im Purgatorium. Wir auf der Erde können für unsere Brüder und Schwestern vor Gott eintreten und für sie beten. Die Kirche lehrt, daß unsere Handlungen hier auf Erden nicht nur Auswirkungen auf unsere eigene Seele, sondern auch auf die Seelen anderer haben, insbesondere auf die im Fegefeuer. Indem wir Gebete, Messen und Opfer für die Verstorbenen darbringen, setzen wir unseren Glauben konkret in die Tat um und helfen den Seelen, die sich noch im Reinigungsprozeß befinden. So können wir gute Werke für unsere Brüder und Schwestern im Ort der Reinigung darbringen, die gleichzeitig auch unserem eigenen Weg der Heiligkeit dienen.
Auch Ablässe spielen in dieser Dimension des Glaubens eine wichtige Rolle. Die Kirche kann durch ihren geistlichen Schatz Ablässe gewähren, die den zeitlichen Sündenstrafen der Seelen im Fegefeuer teilweise oder vollständig Abhilfe schaffen. Diese Praxis ist ein Ausdruck der Liebe und der Gemeinschaft der Heiligen.
Betrachtungen nach der Leseordnung des Novus Ordo:
zur Tageslesung: https://elijamission.net/der-sieg-des-lichtes/#more-8825
zum Tagesevangelium: https://elijamission.net/die-wertvollen-unterweisungen-jesu-2/#more-14058

