SICH DER UNVOLLKOMMENHEIT BEWUSST WERDEN

“Die einzige Vollkommenheit der Menschen besteht darin, daß sie sich ihrer Unvollkommenheit bewußt werden.” (Heiliger Hieronymus)

Was zunächst wie eine pessimistische Aussage über den Menschen klingen kann, erschließt sich bei näherer Betrachtung als eine tiefe Weisheit, die der Heilige Hieronymus mit uns teilt.

Eine solche Erkenntnis hilft uns nämlich, jeder Art von Stolz und falscher Selbstsicherheit zu überwinden, und somit tief in unsere Wirklichkeit als Menschen einzudringen. Es kommt jetzt darauf an, wie wir damit umgehen. Gewiß wäre es falsch, in eine Art ungeordnete Traurigkeit zu verfallen, weil wir Menschen so unvollkommen sind – wobei wir natürlich schon den Verlust des Paradieses mit all seinen Folgen beweinen können.

Vielmehr sollte diese Erkenntnis zu einer Einladung werden, uns an “den Vollkommenen”   zu wenden: an unseren geliebten Vater. Indem wir ihn suchen und an seiner Vollkommenheit teilhaben dürfen, erwachen wir zum wahren Leben und zur rechten Beurteilung unseres Daseins.

  • Wir sind geliebt und dieser Liebe bedürftig!
  • Wir sind zur Vollkommenheit berufen (vgl. Mt 5,48), können sie aber nicht aus uns selbst schöpfen.
  • Wir dürfen Anteil nehmen an der göttlichen Herrlichkeit (vgl. 2 Petr 1,4), sind aber nicht selbst Gott.
  • Gott hat uns nach seinem Bild geschaffen (Gen 1,27), aber wir bedürfen seiner ständigen Hilfe, damit sich dieses Bild in uns zu entfalten vermag.
  • Wir sind zu Großem berufen, müssen aber zuerst von Gott lernen, was wahrhaft groß ist (vgl. Mk 10,43).
  • Wir sind zur Freiheit berufen, müssen aber erst durch den Sohn Gottes freigesetzt werden (vgl. Joh 8,36).

Es ist so, wie der Heilige sagt: Sich seiner Unvollkommenheit bewußt zu werden, ist vollkommen! Und das erweckt unsere Dankbarkeit, daß wir einen vollkommenen Gott haben und uns nach ihm sehnen.