Der Gehorsam im geistlichen Kontext

Nachdem wir uns in den letzten beiden Ansprachen mit dem evangelischen Rat der Keuschheit befaßt haben, möchte ich heute auch über allgemeine Aspekte des geistlichen Gehorsams sprechen, wie er für uns alle auf dem Weg der Nachfolge Christi wichtig ist. Ich hoffe, diese Reflexion kann ein wenig helfen, den geistlichen Gehorsam lieben zu lernen!

Wie uns die Bedeutung des Wortes nahelegt, hat Gehorsam etwas mit Hören zu tun, genauer gesagt mit Hinhören, Aufmerken, Zuhören und Lauschen, also mit dem richtigen Hören mit ganzer Zuwendung zu dem der zu uns spricht.

Als Gott sich durch Mose an sein Volk wandte, sprach er: “Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig” (Dtn 6,4).

Im Buch Jesaja heißt es: “Neigt euer Ohr mir zu und kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben” (Jes 55,3).

Der Mensch schöpft die tiefste Weisheit nicht aus sich selbst. Im Gegenteil: Ohne die Hilfe Gottes vermag er sein Lebensziel gar nicht zu erreichen. Er braucht die Führung und Wegweisung durch Gott, er benötigt den Heiligen Geist, um Gott richtig zu erkennen. Die Weisungen erhält er in erster Linie durch das Hören auf Gott, auf den vielfältigen Wegen, auf denen Gott zu ihm spricht.

Das richtige Hören, das mit dem schönen Wort »Lauschen« unterstrichen wird, ist kein oberflächliches Hören, bei dem man nur das vernehmen will, was einem gefällt, und alles andere ausgeblendet wird. Jesus beklagt vielmehr eine solche Haltung. Immer wieder hören wir, wie Gott über die Schwerhörigkeit seines Volkes klagt. Der Wille der Hörenden ist nicht auf das Richtige, auf die Wahrheit, ausgerichtet. Sie wollen nicht hören, neigen ihr Ohr nicht der Weisheit zu und kommen deshalb auch nicht zur Einsicht (vgl. Spr 2,1–4).

Es geht so weit, daß der heilige Paulus beklagen muß: “Es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach seinen eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden” (2 Tim 4,3).

Ganz anders klingen die weisen Worte des heiligen Benedikt im Prolog seiner Regel:

“Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, neige das Ohr deines Herzens, nimm den Zuspruch des gütigen Vaters willig an und erfülle ihn durch die Tat! So kehrst du durch die Mühe des Gehorsams zu dem zurück, den du durch die Trägheit des Ungehorsams verlassen hast.”

Warum wirkt der Weg des Gehorsams so mühsam und wird nicht selten sogar abgelehnt?

Häufig liegt diesem Verhalten eine falsche Überzeugung zugrunde, genauer gesagt ein falsches Gottesbild. Man betrachtet den Gehorsam als Einschränkung der persönlichen Freiheit. Diese falsche Sicht von Freiheit scheint uns das Recht zu geben, uns dem liebenden Willen Gottes zu entziehen. Ja, der Wille Gottes erscheint unter Umständen sogar als Bedrohung, der man ausweicht. Diese irrige Anschauung geht mit einem falschen Gottesbild einher, das uns bereits in der Versuchung im Paradies vermittelt wurde.

Wenn in uns jedoch das wahre Bild Gottes lebt – als unser liebender Vater –, öffnet sich der Weg, den Willen Gottes wirklich erkennen zu wollen und ihm zu folgen. Es weicht die Angst und auch eine falsche Ehrfurcht, die nicht der Beziehung zu Gott entspricht, in die uns der Vater ruft: als Kinder Gottes im Vertrauen zu ihm zu leben.

Auch die Sicht des Gehorsams verändert sich. Ohne die Verpflichtung zum Gehorsam zu vernachlässigen – nämlich den Weisungen Gottes unbedingt zu folgen – bekommt der Gehorsam »geistige Flügel«. Denken wir an die Engel, die es lieben, gehorsam zu sein.

Der Gehorsam wird zur Suche, mit unserem Vater ganz im Einklang zu sein, zum Eintauchen in seine Absichten mit uns und der Welt. Es ist der ernsthafte Versuch, ganz in die Übereinstimmung mit der Wahrheit und der Liebe zu kommen. Der Gehorsam wird zur Herzensangelegenheit und der Wille Gottes zu jener Speise, von der Jesus spricht: “Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat” (Joh 4,34)

Der Gehorsam ist weit davon entfernt, die persönliche Freiheit zu beschneiden. Er bewirkt genau das Gegenteil! Die freudige Erfüllung des Willens Gottes garantiert die Freiheit des Menschen. Er löst die Ketten der Selbstgebundenheit, die Verkrampfung in das eigene Ich und die ungeordnete Anhänglichkeit an die Welt und an die Menschen.

Der Gehorsam macht den Weg der Nachfolge Christi behende und erlaubt dem Geist Gottes, sein Werk im Menschen immer mehr zu vollbringen. Es ist gerade der Gehorsam, der zu großer geistlicher Wachsamkeit führt, wenn er sich nicht nur im allgemein erkannten Willen Gottes bewegt, sondern immer feiner in der aktuellen Lebenssituation gesucht und erkannt wird.

Ein wachsender und reifender Gehorsam erleichtert es uns, den Willen Gottes zu erkennen und zu tun. Daher wird er zum königlichen Weg der Nachfolge Christi.

Betrachtung zur Tageslesung: https://elijamission.net/dem-zweifel-widerstehen/#more-13633

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