“Aspekte der freiwilligen Armut und Ausblick auf die Fastenzeit”

Heute möchte ich die Betrachtungen über einige Aspekte der evangelischen Räte und ihre Bedeutung für die Jünger des Herrn, die in der Welt leben, abschließen. In der Tat ist die freiwillige Armut um des Herrn willen nicht ganz so einfach auf Menschen in der Welt anwendbar, denn, sie kann sehr radikale Züge annehmen, wie sie sowohl aus dem Neuen Testament als auch aus der Geschichte der Kirche bekannt sind.

Denken wir nur an die Gütergemeinschaft in der frühen Kirche, wie sie uns in der Apostelgeschichte berichtet wird (vgl. Apg 2,44–45), oder an Einsiedler und klösterliche Gemeinschaften, die dieses Ideal verwirklicht haben, indem sie alles um der Nachfolge Christi willen verlassen und ihren Besitz den Armen gegeben haben! Das ist ein ungemein wertvoller Ruf. Gebe Gott, daß ihn noch viele Berufene hören und daß es Gemeinschaften gibt, die ihn auch heute verwirklichen!

Wenn ich nun an eine große geistliche Familie denke, die dem Herrn folgen will, aber in der Welt unter anderen Umständen lebt, würde ich folgende Weisung des heiligen Paulus wählen: “Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen” (1 Tim 6,8).

Wenn wir dieses Wort in unser Herz aufnehmen, dann wachsen wir in eine empfänglichere Grundhaltung des Lebens hinein, die wir täglich einüben sollten: in eine Haltung des Beschenktwerdens, der Genügsamkeit und der Dankbarkeit. Denn wenn wir dieses Wort des Apostels in seinem geistlichen Verständnis praktizieren, werden wir die Geschenke Gottes sehr viel deutlicher sehen und werden gerade die kleinen Aufmerksamkeiten unseres himmlischen Vaters wahrnehmen, mit denen seine Liebe uns verwöhnt.

Auf diesem Weg des Empfangens, indem man sich nicht mehr auf das Streben nach mehr Besitz konzentriert, geschieht bereits eine Art innere Loslösung, die unser Herz dauerhaft von der ungeordneten Anhänglichkeit an die Güter dieser Welt befreien kann. Wir lösen uns von einer scheinbaren Sicherheit, die daraus erwächst, und werden fähiger zu teilen. Tatsächlich üben wir uns so schon in einen Zustand ein, den wir im Tod erleben werden, wenn wir über nichts mehr verfügen und alles zurücklassen werden.

Die freiwillige Armut gilt es zu umarmen – wobei es in Bezug auf die gesamte Christenheit besser ist, von Bescheidenheit oder Genügsamkeit zu sprechen. Wir müssen sie lieben, denn sie ist ein kostbarer Schatz. Sie führt uns wie von selbst in eine geistliche Dimension hinein, wenn unsere Gedanken nicht mehr darum kreisen, was man alles zum Leben braucht und wie man seinen Besitz ständig vermehren kann, weil man – gemäß dem Denken der Welt – das Beste für sich selbst haben muß! Gerade diese Haltung führt leicht dazu, der Versuchung zur ungeordneten Selbstliebe zu erliegen.

Die Überwindung solcher oft tief eingewurzelter Haltungen öffnet den Blick für das Wesentliche. Dies ist, am Reichtum des Herrn teilzuhaben, der nicht in glänzenden Kleidern und in der Pracht eines Königssohns zu uns kam, sondern in der Einfachheit der Krippe im Stall von Bethlehem.

Durch die Einübung der freiwilligen Armut (lies: Genügsamkeit) erstreben wir mit ganzem Herzen die geistlichen Güter, die Gott uns anbietet, und verwirklichen so das Wort des Herrn: “Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz” (Mt 6,21).

In ihrer geistlichen Schönheit ist die freiwillige Armut ein vorzügliches Mittel der aktiven Läuterung von der Gier nach Reichtum und von der Habsucht, die in dieser Welt so viel Unheil verbreitet.

Menschen, die in relativem Wohlstand oder gar im Reichtum leben, muß man von der Nachfolge Christi her dringend ans Herz legen, in innerer Freiheit mit den Gütern umzugehen und ihr Herz nicht an den Besitz zu hängen. Wenn sie aufrichtig teilen und so dem Gemeingut dienen, mögen auch sie einer geistlichen Armut bis zu einem gewissen Grad entsprechen können.

Dieses Thema soll also als Übergang in die beginnende Fastenzeit dienen.

In den kommenden vierzig Tagen möchte ich meine Ansprachen als eine Art Exerzitien für unsere große geistliche Familie verstanden wissen. Damit meine ich – neben unserer Gemeinschaft im engeren Sinn – auch jene, die sich uns in Jemael, in der »Abbafamilie« oder im »Balta-Lelija-Heer« geistlich angeschlossen haben. Gerne können sich auch diejenigen anschließen, die meinen täglichen Betrachtungen und/oder den Vaterbetrachtungen folgen. Ich werde primär auf die Leseordnung des Alten Ritus zurückgreifen und sie gegebenenfalls mit vertiefenden Texten ergänzen. Sollte es aktuell wichtige Entwicklungen in Kirche und Welt geben, werde ich sie erwähnen, sofern es sich sinnvoll einfügen läßt.

Diese Exerzitien vertraue ich der Führung des Heiligen Geistes an, damit sie fruchtbar werden.  In diesem Sinne bitte ich auch um euer begleitendes Gebet! Es wäre sinnvoll, diese Exerzitien zu verbreiten, damit sie möglichst vielen Menschen dienen.

Wie gewohnt werden wir am Ende jedes Textes die Links zu den Auslegungen der Lesung oder des Evangeliums des Tages im Novus Ordo einfügen.

Betrachtung zur Tageslesung: https://elijamission.net/versuchungen-zurueckweisen-3/#more-13640

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