Der Herr vermag es, die Seinen zu erwecken und zu großer Heiligkeit zu führen. Das bedeutet jedoch nicht immer, ins Kloster zu gehen oder ihm in einer Einsiedelei zu dienen. Es kann sogar an einem Kaiserhof geschehen, wo Pomp und Wohlleben oft üblich sind. Immer wieder gibt es jedoch herausragende Beispiele von Menschen, die in all dem Luxus, der sie umgeben mag, und trotz der Verführung, die von Macht ausgehen kann, zu leuchtenden Vorbildern für viele werden. Sie haben sich dem Sog eines oft eitlen und leeren höfischen Lebens entzogen und sind stattdessen demütig in den Dienst des Herrn getreten.
Eine solche herausragende Persönlichkeit war die heilige Kaiserin Pulcheria von Ostrom. Der heilige Bischof Cyrill, so wird berichtet, nannte sie “die keuscheste Braut Christi, die Zierde des Erdkreises, den Schmuck der Kirche” und die Väter des Konzils von Chalcedon bezeichneten sie als “die Wächterin des Glaubens, die Stifterin des Friedens, die Bekämpferin der Ketzer, die neue Helena”.
Sie war die Tochter des Kaisers Arkadius. Im Alter von neun Jahren war sie bereits Waise. Doch allein Gott, der sie als Werkzeug seiner heiligen Pläne gebrauchen wollte, zog gnadenvoll ihr Herz an sich, und verlieh ihr früh schon die Gabe der Weisheit, die Liebe zum Gebet und zur Einsamkeit, sowie einen männlichen Mut. Sie lehrte ihren kleinen Bruder Theodosius, der einst Kaiser werden sollte, wie eine fromme Mutter beten. Sie unterrichtete ihn in der heiligen katholischen Religion, führte ihn fleißig in die Kirche und brachte ihm alles bei, was ihn zu einem frommen Fürsten machen konnte. Ebenso vertrat sie die Mutter- und Vaterstelle an ihren zwei kleinen Schwestern. Sie hatte den göttlichen Heiland Jesus so lieb, daß sie ihm das Gelübde machte, immer Jungfrau zu bleiben, und auch ihre beiden Schwestern dazu brachte, dasselbe zu tun.
Im Alter von 15 Jahren wurde sie gemeinsam mit ihrem Bruder Theodosius zur Würde der Herrscherin über das Reich erhoben und mußte nun im Namen ihres Bruders das Land regieren. Obwohl sie Kaiserin war, immer beschäftigt mit den wichtigsten Angelegenheiten des Reiches und wegen ihrer Weisheit allgemein bewundert und gelobt, blieb sie doch stets demütig und bescheiden. Wenn sie irgendeine wichtige Entscheidung traf, tat sie dies immer im Namen ihres Bruders, damit dieser die Ehre hätte, sie aber unbeachtet bliebe. Der kaiserliche Palast, früher ein Ort prachtvoller Feste, war unter ihrer Aufsicht wie ein Kloster mit strenger Zucht und Ordnung. In ihr und ihrer Schwestern Gemach durfte keine Mannsperson eintreten. Männer sah und sprach sie nur öffentlich. Wenn die Staatsgeschäfte sie nicht hinderten, betete, las oder verrichtete sie mit ihren Schwestern Handarbeiten. Auch kasteite sie ihren Leib durch Fasten und Nachtwachen, und entsagte mit Freuden den Vergnügungen des Hofes. Wenn sie irgendeinen Befehl zu geben, ein wichtiges Geschäft zu vollbringen hatte, flehte sie zuvor zu Gott um Erkenntnis, fragte dann weise Männer um Rat, und dann erst ging sie an die Ausführung. Obwohl sie eine schwache Jungfrau war, so regierte sie doch das weite Reich mit solcher Weisheit und Kraft, daß die Untertanen nie so zufrieden und glücklich, und der römische Name von den fremden Völkern nie so gefürchtet und geehrt war wie unter ihrer Herrschaft. Sie war wahrhaft eine Zierde des Erdkreises.
Doch blieben das Kreuz und die Angriffe gegen ihre Person nicht aus. Die Situation veränderte sich, als ihr Bruder sich verheiratete. Seine Frau, die den christlichen Glauben annahm und den Namen Eudoxia erhielt, kam unter den Einfluß von Kreisen, die sie gegen Pulcheria einnahmen. Als Eudoxia Augusta an der Seite Theodosius wurde, wuchs ihr Einfluß und sie förderte den Einfluß der Irrlehre der Monophysiten. Pulcheria wurde in der Folge vom Hof entfernt. Sie, die sich schon lange nach Ruhe und Einsamkeit sehnte und den Frieden über alles liebte, zog sich auf ein Landgut zurück, wo sie fern von der Welt dem Gebet, der Lesung und der Betrachtung der Heiligen Schrift oblag, und in innigster Vereinigung mit Gott lebte.
Doch mußte sie mitansehen, wie das ganze zuvor geordnete Reich immer mehr in Verwirrung geriet. Es war der heilige Papst Leo, der sie dann aufforderte, die Sache Gottes und der Kirche zu verteidigen.
Pulcheria verlangte nun nach einer Unterredung mit ihrem kaiserlichen Bruder und öffnete ihm die Augen, wie dieser betrogen und an den Rand des Abgrunds geführt worden war. Er hörte auf sie und ließ den Ratgeber seiner Frau verbannen und hinrichten.
Nicht viel später verstarb der Kaiser, und Eudoxia zog sich in das Heilige Land zurück, wo sie bußfertig lebte und verstarb.
Pulcheria wurde nun allein Kaiserin des morgenländischen Reiches. Von den Großen des Reiches wurde sie bedrängt, sich zu verheiraten. Sie fand in Marcian einen Mann, der bereit war, mit ihr eine Josephsehe zu leben, so daß sie mit ihrem Gelübde, das sie von Kindheit an geschlossen hatte, nicht in Bedrängnis geriet.
Beide hatten kein anderes Ziel im Auge, als die Untertanen glücklich zu machen, überall im Reich Religion und Frömmigkeit zu befördern, heilig zu leben und selig zu sterben.
Als sie sahen, welch schreckliches Unheil die Ketzerei im Lande anrichtete und die ganze Kirche verwirrte, gingen sie freudig auf den Vorschlag des Papstes ein, ein allgemeines Konzil zu berufen. Dieses versammelte sich im Jahr 451 in der Stadt Chalcedon. Vier Gesandte des Papstes und 250 Bischöfe waren zugegen. Auch der Kaiser Marcian wohnte mehreren Sitzungen bei, und die Ketzerei, welche gegen die Gottheit Christi, seine heilige Menschwerdung, gerichtet war, wurde einstimmig verdammt. Die heilige Pulcheria und ihr Gemahl wurden als Verteidiger des heiligen Glaubens allgemein gelobt und gepriesen, und diese bemühten sich auch, die Beschlüsse des Konzils überall geltend zu machen.
So gelang es endlich der heiligen Kaiserin, die Ruhe im Reich wiederherzustellen und dem Drang ihres Herzens, recht viel Gutes zu stiften, Genüge zu leisten. Sie erbaute Kirchen, stiftete Spitäler und stattete sie reichlich aus. Die Armen besuchte sie selbst und half ihren Nöten ab.
Pulcheria verstarb im Alter von vierundfünfzig Jahren und vermachte all die Güter, über die sei frei verfügen konnte, den Armen. Eine »zweite Helena« hatte Gott der Welt und der Kirche geschenkt!
Betrachtung nach der Leseordnung des Novus Ordo:
zum Tagesevangelium: https://elijamission.net/die-weise-gottes-3/#more-18411
